Expedition zur Sonnenfinsternis im Jahre 1999 AD

Heute ist der 10.Tag im Monat August im Jahr des Herren 1999. Was der heutige Tag uns und allen Menschen dieser Welt bringen wird, vermag ich noch nicht zu sagen. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie erlebt.
Hat schon jemals ein Mensch etwas so aufregendes, etwas so großartiges gesehen? Wahrscheinlich nicht. Doch die Zeit ist reif für Entdecker, Forscher und Wissensdurstige, wie wir es sind, dieses zu den letzten Geheimnissen der Menschheit gehörende Unbekannte zu ergründen. Auf das wir wieder ein Stück unserem Ziel näher kommen, das Rätsel des Lebens, der Natur und des Himmelszeltes zu lösen. Dank unseres tollkühnen Vorhabens werden die Menschen eines Tages so viel Wissen angehäuft haben, daß sie weit über der Natur stehen werden. Sie werden neue Fragen finden und, dank unserer Vorarbeit, auch lösen. So soll es geschehen.


11:20
Gerade brachte mir ein Bote die Nachricht, daß meine treuen Begleiter in einer halben Stunde ankommen werden. Andie, der Leiter der Expedition, hat uns extra eine größere und schnellere Kutsche besorgt, so daß unsere Reise nicht über Gebühr anstrengend oder ermüdend werden sollte. So habe ich noch Zeit, mir ein paar Gedanken über die Fahrt zu machen. Das genaue Ziel ist mir nicht bekannt. Aus Angst vor Spionage oder Verrat erfahren wir alle Drei erst, wenn wir angekommen, wo wir sind. Und vielleicht nicht einmal dann. Aber unser Auftrag ist viel zu wichtig, als daß wir ihn wegen solcher Kleinigkeiten gefährden würden. Soviel sei gesagt: wir werden abseits aller Handelsrouten und Verkehrswege weit südlich von hier in den Dschungel eintauchen. In Vorbereitung dieser Reise lebe ich schon seit Jahren hier im Süden, um mich an die klimatischen Verhältnisse anzupassen und mir den Dialekt der hier heimischen Bevölkerung anzueignen. Allein ich befürchte, daß dort, wo das Ziel unserer Reise sein wird, schon wieder eine ganz andere Mundart gebraucht wird. Das Klima, was ganz entscheidend von der höheren Sonne und der üppigen Vegetation geprägt wird, ist schon seit Wochen, ja sogar seit Monaten heiß und schwül. Es ist zwar somit äußerst beschwerlich für den Kreislauf, aber eine Wohltat für mein Rheuma und die Rückenleiden aus dem Krieg damals. Ich hoffe, daß die Umstellung für meine Kameraden nicht zu hart sein wird, da sie aus einer viel kühleren Gegend herstammen. Aber ich denke, sie werden es schon verkraften. Sie sind noch echte Kerle, harte Männer, auf die man sich verlassen kann, die jedes Abenteuer wagen und jede Herausforderung annehmen.


11:55
Endlich kann ich die Kameraden in meiner Sommerresidenz empfangen. Da die Sonne im Zenit steht, nehmen wir das letzte richtige Mahl zu uns. Wir genießen die letzten Minuten der Unbeschwertheit, während wir noch gekühlte Getränke und frischen Kuchen zu uns nehmen können. Wir lachen und sind bester Laune. Der Gedanke, Pläne für den Fall der Fälle, daß wir nicht zurückkommen werden, wird von uns einstimmig verworfen. Wir nehmen uns fest vor, unseren Plan zu vollenden, unser Ziel zu erreichen. Wir verladen mein Handgepäck sowie weitere Ausrüstung und Proviant.


12:45
Es heißt Abschied nehmen. Das Fernweh hatte uns schon vor Jahren gepackt und kann durch nichts mehr aufgehalten werden. Ein jeder von uns läßt noch einen Gedanken bei Frau und Kindern verweilen, doch dann machen wir uns auf.


13:28
Noch reisen wir auf ausgetretenen Pfaden. Es geht gen Süden und die uns vertraute Gegend liegt schon weit hinter uns. Da wir uns seit langer Zeit nicht mehr geschrieben haben, gibt es einen Menge an Gesprächsstoff, der ausgetauscht werden muß. Ich denke, wir alle zerplatzten fast vor Freude bei dem Gedanken, jetzt auf großer Fahrt zu sein. Andie hat schon vor Jahren begonnen, diese Expedition zu planen. Aus aller Welt hat er die Ausrüstungsgegenstände zusammengetragen. Der Zeitplan ist auf die Sekunde vorausberechnet. Nichts darf passieren. Es kann aber auch nichts passieren, da wir perfekt vorbereitet sind.


14:05
Wir gelangen in das benachbarte Fürstentum. Thüringen ist ein beschaulicher Landstrich und Reisenden immer offen und gastfreundlich eingestellt. Wir grüßen unsere Nachbarn immer und wo wir nur können. Auch geben uns die oft genutzten Handelswege hier die Möglichkeit, rasch weiterzukommen.


14:25
Seit Kurzem reisen wir in einer Karawane mit. Das nächste Fürstentum, welches schon fast die Größe eines Königreiches besitzt, wird uns sicherlich nicht so wohlgesonnen sein, wie das hiesige. Der mächtige Herrscher und sein blau-weißes Familienwappen haben einen Ruf, der uns nichts Gutes verheißt.


15:17
Wir müssen warten. Der Paß vor uns wird von anderen Kutschen versperrt. Und somit ist ein guter Zeitpunkt gekommen zu prüfen, ob unsere Ausrüstung vollständig ist. Noch können wir zu unserer Zufriedenheit feststellen, daß uns nichts weltbewegendes fehlt. Andie vermißt sein Konfekt und mir mangelt es an Schreibfedern. Doch alles kein Grund, die Reise abzubrechen. Der nicht vorhandene Kompaß bereitet mir Sorgen, die jedoch von Andie´s Zuversicht zerschlagen werden können.

Wir genießen die Ruhe. Wer weiß, was uns noch erwarten wird? Wir sind aber schon so weit gekommen. So können wir schon seltene und uns unbekannte Pflanzen bewundern. Die Aussicht hier ist auch ganz hinreißend. Andie´s Augen sehen selbstverständlich die irisierenden Wolken, die über uns hinwegziehen. Hoffentlich überrascht uns in dieser Einsamkeit kein Unwetter, da wir Mühe hätten, hier eine Herberge oder passende Schlafstelle für die Nacht zu finden.


17:30
Es geht wieder voran. Wahrscheinlich war es ein Bergrutsch, der uns und den anderen Reisenden den Weg versperrte.


18:10
Der Landstrich, durch den wir gerade reisen, nennt sich die Fränkische Schweiz. Eine Landschaft mit unzähligen Bergen und Hügeln. Alles wunderschön anzuschauen. Doch diese Augenweide ist auch eine trügerische Falle. Sich hier zu verirren würde für jeden Ortsfremden den Tod bedeuten. Die wildesten Ameisen und giftigsten Pilze sind hier in dieser Gegend zu finden.


19:00
Da wir schon einmal in der Gegend verweilen, unternehmen wir einen kleinen Abstecher, um die Landschaft und die Leute näher kennenzulernen. Aber da die Höflichkeit und Gastfreundschaft, die aber vielleicht auch nur auf den Mangel unserer Kommunikation zurückzuführen ist, ausbleibt, wollen wir es bei einem kleinen Ausflug belassen.


19:50
Erstaunlich, wie schnell man heutzutage auf guten Wegen vorankommt. Denn wir erreichen bereits das Fürstentum Baden-Württemberg. Nur gut, daß die Zollabkommen bereits in Kraft getreten sind, sonst hätten wir noch mehr Zeit an den Grenzübergängen verbringen müssen.


20:20
Nebst eigener Erfrischung bekommen die Pferde auch zu trinken, die uns doch so zuverlässig ihren Dienst erwiesen haben.


21:30
Nach inzwischen 1-stündiger Suche nach einem geeignetem Lagerplatz für die Nacht, sind wir nun doch noch fündig geworden. Mutter Natur hielt für uns einen Garten Eden bereit, an dem wir unmöglich vorbeiziehen können, ohne hier für die Nacht zu verweilen. Ein leichter Hang mit vielen Bäumen voll süßer Äpfel und einem Teppich aus wild wachsendem Klee soll heute unser Bett sein und uns neue Kraft für den nächsten Tag geben. Doch zuvor rösten wir am Lagerfeuer ein erlegtes Wildschwein. Der schwere Wein läßt uns die Strapazen des heutigen Tages schnell vergessen.

Lagerplatz im Apfelwald


23:25
Der in der Nähe rauschende Bach singt uns noch lange ein Schlaflied, was uns sehr schmeichelte. Doch wir merken schnell, daß wir nicht in unserer sicheren Heimat sind, als Räuber einen in der Nähe liegenden Landsitz überfallen. Dank unseres abseits gelegenen Lagerplatzes werden wir jedoch nicht bemerkt und können beruhigt einschlafen.

 

Nächster Tag. Es ist der 11.August im Jahre des Herren 1999.

 


06:55
Der erste Hahnenschrei treibt uns aus den Federn. Ohne uns noch lange mit einem Frühstücksmahl herumzuschlagen, brechen wir das Lager ab.


07:30
Auf dem schmalen Elefantenpfad begeben wir uns wieder in Richtung der Handelswege. Inzwischen sind wie ein eingespieltes Team und so werden auch schwierige Passagen notfalls mit Muskelkraft überwunden. Während der Fahrt das Essen zu genießen ist nicht ganz so gemütlich, wie auf einer Terrasse in der Morgensonne, doch auch die Spartanität hat seinen Reiz. Andie hat Feingebäck aus der Heimat mitgenommen. Dazu genießen wir den Saft aus frühreifen Mandarinen.


08:05
Wir kommen hervorragend voran. Da die Gegend immer dünner besiedelt wird, sind die Wege frei von langsam fahrenden Fuhrwerken.


09:40
Rohrbach heißt die Siedlung, die wir gerade besichtigen und wohl nie wieder in unserem hoffentlich noch langen Leben wieder besuchen werden. Nicht das es hier nicht idyllisch und gemütlich ist, nein, es liegt nur so abgelegen, daß es zu unwahrscheinlich ist, es jemals wiederzufinden.


10:10
Endlich. Unendlich erscheinende Serpentinen bringen uns in die einsamste und verlassenste Gegend, die wir je sahen. Unberührte Natur so weit das Auge zu schauen vermag. Wild Tiere, die ohne Furcht an uns vorüberziehen, da sie wohl noch nie Menschen zu Gesicht bekommen haben.


10:20
Unseren vorläufigen Zielort haben wir soeben erreicht. Wir irrten zwar die letzten Minuten fast planlos durch die Gegend, doch um einen optimalen Beobachtungspunkt zu finden, konnten wir nicht gleich den erstbesten Lagerplatz am Wegesrand nutzen. Nein. Wir haben nach dem perfekten Ort gesucht, wo wir die Natur ungestört beobachten können. Wie gesagt: hier ist er. Leider ist es noch sehr bewölkt. Die Falten auf Andie´s Stirn künden nichts Gutes an.


11:05
Die Bewölkung lockert etwas auf. Es poltert, als Andie die Steine vom Herzen fallen. Noch haben wir etwas Zeit, um die Gegend genauer zu erkunden. Seltene, doch wohlschmeckende Pflanzen säumen die Wegränder und versetzen meinen Gaumen in morgendliches Entzücken.


11:30
Das Wetter bessert sich und man kann schon ab und zu die Sonne am Himmel erblicken. Und jetzt werden wir bereits gewahr, welches Naturschauspiel uns hier und heute erwarten wird. Die Sonne wird langsam aber sicher vom Mond verdeckt werden. Ein Ereignis, was nur einmal in einer Millionen Jahren vorkommt. Und wir sind hier, um dieses Wunder zu bestaunen und um die Ereignisse der Nachwelt zu überliefern. Das soll unser Lebenswerk werden. Die Menschen werden noch in hunderten von Jahren davon sprechen, daß drei tapfere Männer auszogen, um die Sonnenfinsternis zu erleben. Ihr Dank wird uns jetzt schon gewiß sein.


12:20
Seit meiner letzten Aufzeichnung haben wir die Zeit damit verbracht, die Sonne zu fotografieren und zu filmen. Es ist ein wundersamer Anblick, wenn die uns doch so vertraut scheinende runde leuchtende Scheibe nicht mehr rund ist und das Licht, was jetzt noch die Erde erreicht, fahl und trübe wirkt. Doch leider schiebt sich ein dichter Mantel aus schwarzen Wolken vor die uns noch verbliebene Sonne. Der riesige, etwa 100 km breite Schatten des Mondes verdunkelt die Berge und alles mit ihnen. Die Wolken sehen bedrohlich, gespenstisch aus. Wie die Vorboten der Apokalypse erscheinen sie - wortlos - , doch von einer traurigen Melodei begleitet, die zu Herzen geht und uns gewahr werden läßt, wie wir von diesem glühenden Stern abhängig sind und wie selbstverständlich wir es doch ansehen, daß er uns mit Licht und Wärme versorgt. Die Stimmung ist trügerisch. Alles scheint so, als ob im nächsten Augenblick ein Gewitter losbricht, um die Welt zu zerstören. Von jetzt auf gleich begann ein kalter Wind, noch mehr Dunkelheit über uns hinwegzutragen. Uns wird unsagbar kalt. Einem schwachen Gemüht würde das Blut in den Adern gefrieren. Das Szenario des Weltuntergangs würde sich von dem jetzigen in keinem Punkt unterscheiden.

 

 

12:29
Die Sonne hat aufgehört zu scheinen. Kein Lichtstrahl erreicht mehr den Erdboden. Es ist düster. Die Dunkelheit gepaart mit der Kälte und dem Wind lassen jeden Mut und Hoffnungsschimmer, die Sonne jemals wieder zu sehen, im Keime ersticken. Die absolute Hoffnungslosigkeit ist ausgebrochen. Bei uns herrscht die Enttäuschung. Laut Andie´s Berechnungen hätten wir jetzt die einmalige Gelegenheit gehabt, die Korona der Sonne, den Lichtkranz aus Tausenden von Kilometer langen Flammen zu bewundern. Dieser Anblick wird sonst von der unglaublichen Lichtmenge der Sonne verdeckt und jeder Versuch, ihn trotzdem zu erblicken, würde die Erblindung auf Lebenszeit bedeuten. Doch leider Gottes hält Petrus es nicht für nötig die grauen Gewitterwolken für uns verschwinden zu lassen, so bleibt dieses Jahrhundertschauspiel unseren Augen verborgen. Innerhalb von Sekunden verschwanden vor unseren Augen erst die Berge, dann die Bäume und schließlich alles andere. Die armen Tiere, die dieses Schauspiel doch nicht begreifen können, irren umher und wissen weder ein noch aus. Jegliches Leben scheint für diese zwei Minuten zu erlöschen.


12:32
Was vor noch einer Minute als fraglich erschien, wird jetzt bereits wieder war. Es ist nicht zu verkennen – es wird wieder hell. Alles Leben erwacht, atmet das Licht und die Lebensenergie ein. Das Herz beginnt schneller zu schlagen. Voller Dankbarkeit blicken wir zum Himmel, um zu sehen, daß das Ende der Welt noch nicht gekommen und wir noch viele Jahre weiterleben dürfen. Jede Seele, die dieses Ereignis mit mir erlebte, wird mir zustimmen, daß dieses Wunder zu sehen, das wunderbarste Naturschauspiel sein wird, was man je begreifen kann. Das Universum existiert wahrscheinlich nur, um dem Mond die Möglichkeit zu geben, sich zwischen Sonne und Erde zu begeben. Die Menschen hat Gott nur erschaffen, damit auch jemand dieses Phänomen bewundern kann. Und WIR waren dabei gewesen. Ich wünschte, es hätten noch viel mehr Menschen sehen können, außer uns. Vielleicht werden in hundert Generationen, wenn es wieder soweit ist, den Schatten unseres Mondes zu spüren, mehr Menschen dabei sein, um Erfüllung in ihr sonst so tristes Leben zu bringen, um die Sonne nur als schwarzes Loch zu erleben.


12:50
Die Natur hat alles gegeben, was sie konnte. Jetzt ist sie erschöpft, kann nicht einmal mehr die Wolken halten. Es beginnt zu regnen und wir, die wir ja jetzt sahen, was wir sehen wollten, wo wir am Ziel waren, welches wir seit Wochen und Monaten suchten und wo wir doch gerade die Erfüllung unseres Lebenstraumes erlebten, begeben uns jetzt wieder auf in die Heimat, um zu berichten und zu lobpreisen.


14:05
Andie ist von den Strapazen der Reise so erschöpft, daß ich die Zügel übernehme und die Kutsche einige hundert Kilometer in Richtung Norden führen werde.


17:25
Die Fahrt verläuft problemlos und ohne Schwierigkeiten. Die Menschen sind alle viel freundlicher und offener. Es hat ein neues Leben, eine neue Zeit begonnen.


22:15
Wir erreichen meine Sommerresidenz. Erst jetzt haben wir wieder genug Kräfte gesammelt, um unsere Erlebnisse zu verarbeiten und um über sie sprechen. Obwohl uns die Augen fast zufallen, ist in ihnen ein Leuchten zu sehen, als ob wir das Paradies auf Erden gesehen hätten. Aber war es denn nicht auch so?

 

Nächster Tag. Es ist der 12. August im Jahre des Herren 1999.

 


01:00
Wie Andie mir berichtete, sind er und Stephan glücklich und heile in der Heimat angekommen, nachdem sie sie vor über 41 Stunden verlassen hatten. Wir haben es geschafft. Das Ziel ist erreicht. Jetzt bleibt uns nur noch, allen Menschen von diesem Wunder zu berichten, damit auch sie die Sonne verehren und jeden Sonnenaufgang und jeden Tag aufs Neue genießen. Danke, daß wir das erleben durften!